kurze Einführung…

in die Geschichte feministischer Kriminalliteratur

Krimi-Autorinnen der ersten Stunde

Der Beginn des Genres der Kriminalliteratur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird klassischer Weise mit den großen Namen männlicher Autoren wie Edgar Allen Poe und Arthur Conan Doyle verbunden. Dabei wird ignoriert, dass es auch schon zu dieser Zeit weibliche Autorinnen von Kriminalgeschichten gab. Die klassische Genealogie des Detektivromans „tilgt die Spuren der Autorinnen und wird heute noch in Standardwerken so verbreitet“.1 Gegen diese Betrachtungsweise stehen Kriminalautorinnen derselben Zeit, wie Seeley Regesters, Anna Katherine Green oder im deutschen Sprachraum Auguste Groner. Trotz der Diffamierung durch schreibende männliche Kollegen und der Definition des Genres als genuin männlich können sich Frauen in der Kriminalliteratur durchsetzen, auch wenn viele unter männlichem Pseudonym veröffentlichen oder zumindest männliche Detektive erfinden.

In den 1920er Jahren, dem sogenannten goldenen Zeitalter des Detektivromans, werden Autorinnen wie Agatha Christie, Dorothy L. Sayers, Margery Allingham oder Ngaio Marsh zu den „Queens of crime“.2 Die erfolgreiche Partizipation von Frauen in diesem Gebiet kann auf Merkmale des Genres zurückgeführt werden. Für die Erzählung von Kriminalhandlungen werden Eigenschaften wie Beobachtungsgabe, psychologisches Einfühlungsvermögen oder das Entziffern indirekter Äußerungen benötigt. Durch die Beschränkung auf den engen, häuslichen Lebensbereich werden diese Eigenschaften bei Frauen – zu dieser Zeit und natürlich je nach sozialer Schicht – besonders gefördert. Sie sind daher eigentlich prädestiniert für die Rolle bzw. die Schaffung des klassischen „armchair-detective“, der_die die Fälle von zu Hause aus löst.

Die Detektivinnen der Romane brechen allerdings auch mit einigen Regeln des Genres. Sie lösen die Fälle nicht nur mit Hilfe rein kognitiver Fähigkeiten, sondern nutzen Menschenkenntnis, Beobachtungs- und Kombinationsgabe, einfühlsame und geschickte GesprächsführungDetektivin mit Lupe auf Spurensuche. Die Lösung des Rätsels entspricht so nicht bloß einer streng rationalen Logik, vielmehr werden zuweilen auch Eingebungen und Zufälle bei der Ermittlung berücksichtigt. Der Selbstgefälligkeit und Arroganz der männlichen Ermittler wird auf diese Art ein Understatement entgegengesetzt. Polt-Heinzl versteht dies als eine intellektuelle Tarnung des Eindringens in einen männerdominierten Raum.3 Durch die Verwendung klassischer „weiblicher“ Eigenschaften bei der Ermittlerinnenkonzeption wird eine Kollision mit den Rollenvorgaben vermieden. Die meisten Detektivinnen sind zudem Ehefrauen und Mütter und entsprechen somit auch dem gängigen Frauenbild der Zeit.

Professionalisierung der Ermittlerinnen

Bei den bisher genannten Autorinnen ermitteln ausschließlich Amateurdetektivinnen. Parallel zu den gesellschaftlichen Veränderungen der Zeit werden diese ab den 1950er Jahren auch zunehmend in den unterschiedlichsten Feldern berufstätig. In dieser Zeit werden Kriminalautorinnen wie Mary Higgins Clark, Elizabeth George, Patricia Highsmith oder Ruth Rendell erfolgreich.

Während sich der männliche Privatdetektiv seit den 1930er Jahren im hardboiled-Genre in der us-amerikanischen Kriminalliteratur durchsetzt, tritt die erste weibliche Privatdetektivin Sharon McCone von Marcia Muller erst 1977 in „Edwin of the Iron Shoes“ auf.4

In den 1980er Jahren kommt es innerhalb der von Frauen verfassten Kriminalliteratur zu einer breiten Ausdifferenzierung, die seit dieser Zeit einen regelrechten Boom erlebt. Hierbei können als Kennzeichen häufige psychologische Schilderungen, die Einbeziehung unterschiedlicher sozialer Verhältnisse und die Thematisierung verschiedener Formen von Alltag und Problembewältigung aufgeführt werden.

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Fußnoten

1 Polt-Heinzl, Evelyne: Frauenkrimis – Von der besonderen Dotation zu Detektion und Mord. In: Aspetsberger, Friedbert/Strigl, Daniela: Ich kannte den Mörder wußte nur nicht wer er war. Zum Kriminalroman der Gegenwart. Innsbruck 2004. S. 147
2 Vgl. Keitel, Evelyne: Kriminalromane von Frauen für Frauen. Unterhaltungsliteratur aus Amerika. Darmstadt 1998. S. 14
3 Vgl. Polt-Heinzl 2004. S. 149
4 Vgl. Keitel 1998. S. 27